Fachtagung beleuchtet das Engagement der syrischen Community

Unter dem Titel „Bürgerschaftliches Engagement als Empowerment-Strategie? – Das Beispiel der syrischen Community“ veranstaltete der VDSH am 29.11. eine Fachtagung in Berlin. Rund 60 Gäste aus Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft nahmen an der ganztägigen Veranstaltung  teil. In Reden und zwei Diskussionspodien wurden die Themen Engagement und Partizipation von Menschen mit Migrations- und Fluchtgeschichte von verschiedenen Seiten beleuchtet. Ein Markt der Möglichkeiten, auf dem sich sechs, v.a. syrische Organisationen präsentierten und mit dem Publikum in den Austausch kamen, rundete das Programm ab.

Durch das Programm führte Dr. Chadi Bahouth, Trainer und Journalist und Mitbegründer der Neuen Deutschen Medienmacher.

Die stellvertretende Vorsitzende des VDSH, RA Nahla Osman begrüßte die Gäste und rief den Anwesenden die Hintergründe der Gründung des VDSH, seine Gründung unter dem Eindruck der humanitären Katastrophe in Syrien seine Entwicklung nach dem Flüchtlingssommer 2015 eindrücklich in Erinnerung. Die deutsch-syrischen Vereine sehen sich hier als Bindeglied. Das zeigt sich zunehmends an den Mitgliedern: “Rund ein Drittel unserer Vereine sind mittlerweile von Geflüchteten gegründet, was neue gute Impulse mit sich bringt. Entsprechend weit spannen sich die Themen des VDSH von „Flucht” und “Ankommen” bis zum “Dazugehören“.

Die Eröffnungsrede erfolgte durch Frau Dr. Löper, Referat HI2 Stellvertretende Leiterin des Referats „Rechtsangelegenheiten und Maßnahmen der Integration“ aus dem Bundesinnenministerium.  In ihrer Rede zog sie Zwischenbilanz seit dem Flüchtlingssommer 2015. Sie ging sie auf das bisher Erreichte ein, betonte die Bedeutung der Zivilgesellschaft, v.a. auch der migrantisch-geprägten, da es hier noch Aufholbedarf gibt. Denn in vielen Herkunftsländern wird bürgerliches Engagement nicht anerkannt, sondern oft sogar staatlich verfolgt.  Hier hingegen wird Engagement staatlich gefördert. Vor allem das Bundesinnenministerium fördert hier ganz konkret, beispielsweise durch Programme, die die Zivilgesellschaft, insbesondere migrantische Organisationen unterstützen. Ein Leuchtturmprogramm ist hier die Strukturförderung von Migrantendachverbänden, die 2009 ins Leben gerufen wurde und die seit 2017 auch den VDSH unterstützt.

Die Keynote-Speech von Frau Kahlefeld von der Grünen-Fraktion, Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses, Sprecherin für Partizipation und Beteiligung, betrachtete Engagement auch als essentiellen Baustein unseres gesellschaftlichen Lebens: Engagement sei immer auch ein Anzeiger, dass etwas fehlt, dass bestimmte Aktivitäten nicht von staatlicher Seite angeboten werden. Im Flüchtlingssommer 2015 hat die Zivilgesellschaft der Politik unter die Arme gegriffen und einen enormen Kraftakt vollzogen.  “Ehrenamtliches Engagement bedeutet immer ein Stück weit Aufopferung, aber dies darf nicht Dauerzustand sein.” Die Politik müsse die Rahmenbedingungen schaffen, um Engagement zu stärken und zu unterstützen. 

Vom “Bittsteller” zum Bereitsteller sozialer Arbeit

Von den vielfältigen Impulsen ins Thema eingeführt, diskutierten die Teilnehmenden auf dem Ersten Podium die provokante Frage „Vom “Bittsteller” zum Bereitsteller von sozialer Arbeit – Empowerment durch zivilgesellschaftliches Engagement von Geflüchteten. 

Ein Podiumsgast, der dies selbst erlebt hat, war Bashar Kanou, der erst vor 4 Jahren  nach Deutschland kam. Nachdem er mit Freunden einen syrischen Verein in Kiel gründete, ist der Verein als  Syrische Gemeinde Schleswig-Holstein e.V. auf Landesebene aktiv und bietet Angebote nicht nur für syrische Geflüchtete an, sondern wirkt in die Aufnahmegesellschaft hinein. Als Projektleiter des PORT-Projekts der AWO-Schleswig Holstein gibt er dieses Wissen weiter an andere migrantische Vereine und Initiativen und hilft ihnen, sich zu professionalisieren. Seiner Erfahrung nach sind die Menschen, die in ihrem Herkunftsland nicht aktiv sein durften, hier umso interessierter daran, sich zu engagieren. Sein Fazit ist daher: “zivilgesellschaftliches Engagement ist immer auch politisch, im Sinne von demokratischer Praxis. Deshalb muss man sie darin unterstützen. Es bringt uns alle weiter.”

Dem pflichtete auch Aicha El Saleh bei. Die Hamburgerin mit syrisch-libanesischen Wurzeln 

engagiert sich seit vielen Jahren lokal und auf Bundesebene, v.a. mit migrantischen Frauen und als Vorsitzende der Freien Deutsch-Syrische Gesellschaft FDSG. Migrantische Vereine, vor allem die syrischen können nicht wie allgemein über Mitgliederschwund klagen. Im Gegenteil. Hier ist oft die erste Anlaufstelle. Und oft engagieren sich die Hilfesuchenden später selbt. “Engagement tut uns allen gut, besonders aber Geflüchteten und Frauen, die dadurch ein soziales Netz aufbauen, sich als wirksam erleben, etwas zurückgeben können. Wichtig ist dabei nur, dass der Rahmen dafür nachhaltig geschaffen wird.” 

Dass Engagement oft mit den Rahmenbedingungen steht und fällt, weiß auch Dagmar Albrecht, Projektkoordinatorin House of Resources Berlin bei der Interkular gGmbH. In ihrer Arbeit berät sie seit 2016 Initiativen und Vereine, seit einiger Zeit auch immer mehr Geflüchtetenselbstorganisationen. Die Bürokratie stehe der Umsetzung sehr innovativer Ideen leider oft im Weg. Eine Vereinfachung der rechtlichen Lage wäre hilfreich.

Markus Priesterath vom Referat für “Ehrenamt und Bürgerschaftliches Engagement” des Bundesinnenministeriums begrüßte das wachsende Engagement von Menschen mit Migrationsgeschicht und besonders von Geflüchteten. “Aus der Sicht meines Referats ist das das beste, was passieren kann. Dass die Menschen aktiv werden und mitgestalten wollen.” Allerdings ist das nicht immer leicht umzusetzen und man darf auch nicht zu hohe Erwartungen haben, denn wo Menschen traumatisiert seien, ist eine proaktive Teilnahme an der Gesellschaft kaum denkbar. 

Darin waren sich auch die Podiumsgäste einig: es sollte mehr Angebote für Traumatisierte geben. Denn gerade Deutschland sollte seine Erfahrung mit Kriegs-Traumata bzw. der Auswirkung von fehlender Aufarbeitung zum Anlass nehmen, frühzeitig aktiv zu werden.

Nach der fachlichen Auseinandersetzung mit Flucht, Integration und Partizipation im ersten Podium, näherte sich die syrische Ärztin und Schriftstellerin Dr. Najat Abdulsamad, die erst 2017 nach Deutschland kam, den Themen literarisch. Sie ließ das Publikum in einem deutschen Text an ihrem inneren Dialog über die Kraftanstrengung des Dazu-Gehörenwollens teilhaben. 

Bilanz – 4 Jahre nach dem Flüchtlingssommer 2015

Die Teilnehmer*innen des zweiten Podiums widmeten sich dem Versuch einer Zwischenbilanz vier Jahre nach dem Flüchtlingssommer 2015. 

Nahla Osman, Rechtsanwältin für Migrations-und Familienrecht aus Hessen sprach sowohl das bisher geleistete als auch die Baustellen der juristischen Praxis an: 

lange dauernden oder nicht funktionierende Familienzusammenführung, Bleibeperspektive, die Diskussion um Rückkehr. Dieser Druck und unterschiedliche Rechtsauffassungen beim Aufenthalt belaste ihre Mandanten und ganze Familien, die mitunter daran zerbrechen.

Den Druck auf Familien, u.a. durch die Bürokratie, kennt auch Petra Becker aus ihrer Arbeit. Die Gründerin und Geschäftsführerin des Vereins Back on Track Syria e.V. wies auf unflexible Regelungen im deutschen Bildungssystem hin, die besonders für geflüchtete Kinder Nachteile bringen. Ihr Verein versucht mit muttersprachlichen Selbstlernprogrammen, Weiterbildung von geflüchteten Lehrkräften und Elternberatung die Versäumnisse auszugleichen – ein Ansatz, der mittlerweile mit Preisen ausgezeichnet wurde. Sie warnte auch davor, muttersprachliche Angebote als Integrationshindernis zu sehen, bestimmte Sprachen als minderwertig oder höherwertig anzusehen. 

Und so stellte der Moderator dem Podium auch die alles entscheidende Frage: Was ist eigentlich “Integration” oder Partizipation? Ist es ein Verschmelzen, eine Assimilation oder ein friedliches Nebeneinander?

Dies wies Markus Priesterath vom BMI zurück: Weder noch. Nebeneinander her leben könne nicht das Ziel sein. Das sei zu wenig für eine Gesellschaft. Assimilation sei aber auch eine falsche Forderung. Vielmehr müsse man die Verschiedenheit in der Gesellschaft anerkennen und aufeinander zugehen und miteinander leben. 

Dass alle dabei helfen können alle, egal ob Mehrheitsgesellschaft oder Geflüchtete, zeigt 

Yousif Issa: er selbst flüchtete vor 4 Jahren von Syrien nach Deutschland. Nachdem er deutsch lernte, als Dolmetscher arbeitet und eine Weiterbildung absolvierte ist er heute selbst  Job- und Integrationscoach.

So unterschiedlich die Problemfelder der Diskutanten auch waren – eine Gemeinsamkeit drängte sich auf: Die Herausforderungen, vor denen sich Deutschland heute vermeintlich durch Migration und Flucht sieht, sind eigentlich ungelöste soziale Fragen und politische Entscheidungen, die über Migration weit hinausgehen und alle betreffen können. Entsprechend wünschten sich die Podiumsgäste, nach ihrer Zukunftsvision befragt, die Überwindung von Hass und Ausgrenzung für einen stärkeren gesellschaftlichen Zusammenhalt.